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Was heißt "Psychoanalyse"?

Psychoanalyse ist die von Sigmund Freud (1856 - 1938) entscheidend geprägte und seither stets weiterentwickelte Wissenschaft der unbewussten Beweggründe menschlichen Erlebens, Fühlens und Handelns. Dieser Begriff umfaßt zum einen die Methode selbst und zum anderen spezielle Formen ihrer klinischen, also insbesondere psychotherapeutischen Anwendungen.

Psychoanalyse als Methode ist eine Weise des Erkenntnisgewinns, eine Weise des Sehens, die auf die Wirkung ("Dynamik") des Unbewussten, also die unbewusste Determinierung des menschlichen Wahrnehmens, Fühlens und Wollens eingestellt ist. Die besondere Aufmerksamkeit gilt der Interdependenz von Betrachter und Betrachtetem. Sie gibt sich niemals mit nur einer Perspektive zufrieden, sondern versucht den Gegenstand und den Betrachter (sich selbst) stets kritisch von verschiedenen Seiten zu sehen und die verschiedenen Bilder zusammenzuführen.

Diese Grundeinstellung kann auch als psychoanalytische Haltung bezeichnet werden, deren wichtigster, aber nicht einziger Anwendungsbereich die Psychotherapie ist.
Die verschiedenen Formen psychoanalytischer Praxis beruhen auf sich stetig weiter entwickelnden, wiederum aus der Praxis abgeleiteten theoretischen Grundannahmen. Die verschiedenen klinischen Anwendungen beschränken sich nicht auf die isolierte Betrachtung und Beseitigung eines Symptoms oder Fehlverhaltens. Vielmehr sind sie auf die immer wieder neue Erforschung der für die Symptombildung ursächlichen Hintergründe und Entwicklungen eingestellt. Nicht anders als im Falle von Infektionskrankheiten oder Psychosen müssen die Ursachen erkennbar gemacht, erschlossen oder, wo dies nicht möglich ist, hypothetische Konstrukte definiert werden. Das wichtigste hypothetische Konstrukt der Psychoanalyse ist die Annahme eines dynamischen Unbewussten. Die Symptomatik (z. B. eine Angststörung oder chronische Schmerzsymptomatik) wird als Ausdruck eines suboptimalen Lösungsversuchs innerseelischer, d. h. unbewusster Konflikte verstanden. Diese innerseelischen Konflikte werden als dynamisch fortwirkende bzw. aktualisierbare Überbleibsel ehemals realer infantiler Beziehungsmuster und Konfliktkonstellationen (z.B. zwischen starken Bedürfnissen und Gewissensanforderungen oder unmittelbaren elterlichen Verboten) angesehen. Die innerpsychischen Konflikte stellen sich nicht nur in Form von körperlichen Beschwerden, Ängsten oder gestörtem Verhalten dar, sondern haben die Neigung, sich immer wieder von neuem in realen Situationen auf rational nicht nachvollziehbare Weise, wie einem Wiederholungszwang (Freud 1920) folgend, in Szene zu setzen. Die psychoanalytische Therapie macht hiervon Gebrauch, indem sie die therapeutische Situation so strukturiert, dass solche Wiederholungen in einem überschaubaren und sicheren Rahmen ermöglicht werden. Die im Zuge solcher Wiederholungen gegenüber dem Therapeuten aufkommenden Phantasien und Gefühle, Konflikte und Wünsche werden als Übertragung verstanden. Übertragung meint die Neuinszenierung der ursprünglichen, mutmaßlich pathogen wirkenden Szene in der aktuellen therapeutischen Beziehung, die ein neues Verständnis und damit Veränderungen ermöglicht. Die analytische Arbeit erschöpft sich nicht, wie oft fälschlich angenommen, im Kampf um die Erinnerung (Mitscherlich 1975) und in einer möglichst genauen historischen Rekonstruktion der Kindheit, sondern konzentriert sich auf das Analysieren in der analytischen Beziehung aktuell wirksam werdender überkommener konflikthafter Erlebens- und Verhaltensmuster.
Der Analytiker hat dem Patienten gegenüber nicht die Funktion eines Applikators therapeutischer Techniken, sondern ist in der Position eines beteiligten Beobachters, auch Beobachters dessen, was der Patient in ihm sieht. Ein Verständnis der therapeutischen Szene gewinnt er nicht zuletzt aus der genauen Beobachtung der Gegenübertragung, also seiner eigenen Gefühle, Phantasien, Impulse und auch Befürchtungen. Dies setzt voraus, dass er es gelernt hat, auf seine Persönlichkeitseigenarten, habituellen Skotome und Konflikte zu achten, um sie nicht mit denen des Patienten zu vermengen. Gerade durch die intensive Berücksichtigung der Person des Beobachters hat die Psychoanalyse viel mit den wissenschaftlichen Standards der modernen Physik gemein, die der Relation von Untersucher und zu untersuchendem Objekt große Bedeutung beimisst.

Anwendungen der Psychoanalyse sind grundsätzlich in allen Bereichen menschlichen Handelns und Schaffens möglich. So hat die psychoananalytische Methode Beiträge zur Kulturtheorie, zur Literaturwissenschaft, zum Verständnis verschiedener Kunstgattungen aber auch zur Institutionsberatung erbracht.